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Malteser Hamburg

Von Knäckebrot und dem Tod, der gar kein Unhold ist

Ein Märchenabend der besonderen Art

18.10.2017
Dr. Heinrich Dickerhoff zu Gast bei der Hamburger Hospizwoche. Foto: Sabine Wigbers
Dr. Heinrich Dickerhoff zu Gast bei der Hamburger Hospizwoche. Foto: Sabine Wigbers

Wenn Heinrich Dickerhoff die Saiten seiner hellbraunen Kantele zupft, ist es, als würde er ein großes altes Märchenbuch aufschlagen. Im Raum wird es still, die Zuhörer sind dann mit ihrer ganzen Aufmerksamkeit bei seinen mit Bedacht gewählten Worten. Diese erzählen vom Tod und dem Umgang mit dem Sterben in Märchen aus aller Welt.
Am gestrigen Dienstag, 17.10., war Heinrich Dickerhoff im Rahmen der Hamburger Hospizwoche und auf Einladung des Malteser Hospiz-Zentrums und des Diakonie-Hospizes Volksdorf in Hamburg zu Gast. Im Konventsaal der Kirche am Rockenhof begeisterte der Theologe, Pädagoge und Märchenerzähler seine 60 Zuhörer und erntete viel Begeisterung und langen Applaus für seine einfühlsamen Erzählungen. Im Publikum saßen auch rund 20 Ehrenamtliche, die in der Trauerarbeit aktiv sind. Besonders auf ihr Engagement ging Dickerhoff immer wieder ein: „Die Hospizbewegung hat in den letzten Jahren so viel zum Positiven verändert. Ehrenamtliche können zwar die Welt nicht retten, aber viel bewegen. Das beeindruckt mich.“
Den Tod nicht als Schreckgespenst zu sehen, die Trauer nicht das ganze Leben bestimmen zu lassen und immer wieder neue Hoffnung zu schöpfen, dazu sollten die unterschiedlichen Geschichten, die Dickerhoff mitgebracht hatte, motivieren. Er wagte den Gedanken, in der Trauer auch etwas Gutes zu sehen: „Wer nicht trauert, hat nichts Kostbares erlebt. Das macht die Trauer nicht leichter, aber in der Trauer steckt somit auch immer etwas Wertvolles.“

Trauer könne tragen, aber auch lähmen, so unterschiedlich die Menschen, so unterschiedlich sei auch ihr Umgang mit dem Tod. Dickerhoffs unterschiedliche Erzählungen zeigten an diesem Abend genau das auf: Das alte argentinische Märchen, in dem eine junge Frau trotz des Todes ihres geliebten Mannes neuen Lebensmut fassen kann, wird der Geschichte eines alten Lords, der den Tod seiner Tochter sein ganzes Leben nicht verwinden kann, gegenübergestellt.
Tod und Sterben seien nach wie vor bei den meisten Menschen mit einer großen Furcht verbunden. „Dabei ist der Tod gar kein Unhold. In den Märchen wird es deutlich, er macht nur seinen Job.“ Dickerhoff will mit solchen Aussagen nicht provozieren, aber doch zum Nachdenken anregen.
Zum Ende des Abends erzählte Dickerhoff das Märchen vom Tod und dem Knäckebrot, in dem es um den kranken Vater einer schwedischen Familie geht: Sein Sohn fragt sich, warum der Vater so tief schläft. Er möchte ihn aufwecken, schafft es aber nicht. Seine Idee: Wenn ich laut Knäckebrot (damals ein wichtiges Lebensmittel armer Familien) knabbere, wird der Vater schon wieder erwachen. Die in Armut lebende Familie hat kein Brot zuhause, also bettelt der Junge bei den Nachbarn. Niemand gibt ihm etwas, bis er an das Haus eines alten Mannes kommt. Dieser lässt ihn herein und schärft seine Sense. Der Junge berichtet ihm von seinem kranken Vater und bittet um etwas Knäckebrot. Der Alte gibt es ihm, schärft seine Sense erneut und sagt: „Jetzt müssen wir gehen. Wir haben den gleichen Weg.“ Zuhause angekommen fängt der Junge gleich an, am Knäckebrot zu knabbern, aber der Vater rührt sich nicht. „Ach, lieber Ohm, nimm du doch auch ein Stückchen Brot und beiß ab! Vielleicht wacht er dann auf!“ Und der Tod nimmt ein Stück Brot, setzt sich und isst. Das knistert und knackt so herrlich lebendig im ganzen Zimmer. Der Sand in der Lebensuhr des Kranken aber rinnt und rinnt – und mit dem Sand zerrinnt seine Lebenszeit. Der Tod hat so damit zu tun, sein Knäckebrot zu knabbern, dass er vergisst, mit seiner Sense zuzuschlagen, als der letzte Sand aus dem Stundenglas rinnt. So hat der Tod keine Macht mehr über den Kranken und verschwindet. Langsam wacht der Vater wieder auf, sein Leben kehrt wieder zurück. „Mein lieber Junge. Wie gut sich das anhört, wenn du Knäckebrot knabberst“ sagt er. „Gib mir doch auch ein Stück.“
Dickerhoff schließt den Abend und das imaginäre Märchenbuch mit Tönen der Kantele: „Der Junge macht den Tod zu seinem Kompagnon. Die Hospizbewegung hat genau wie diese und andere Märchen, dazu beigetragen, dass der Tod angenommen werden kann und seinen Schrecken verliert.“

Die Hamburger Hospizwoche will durch diese und zahlreiche andere Themenabende den Tod und das Sterben und den Umgang damit in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses rücken.
Dr. Heinrich Dickerhoff ist pädagogischer Direktor der Katholischen Akademie Stapelfeld/Cloppenburg und verfasste ein Buch zu Märchen in der Sterbe- und Trauerbegleitung. Der Theologe, Pädagoge und Autor ist seit 25 Jahren Märchenerzähler und war bis 2012 Präsident der Europäischen Märchengesellschaft.

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